Die Kunst des Bucheinbands: Von Brett zu Brett
Im Gegensatz zu modernen Standardausgaben, bei denen in erster Linie der Inhalt geschätzt wird, konnte die „Kleidung“ eines Buches im 17. bis 19. Jahrhundert viel über seinen Besitzer aussagen. Ein prachtvoller Einband war nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein Zeichen für materiellen Wohlstand.

Der Bucheinband als Statussymbol
Im Gegensatz zu modernen Standardausgaben, bei denen in erster Linie der Inhalt geschätzt wird, konnte die „Kleidung“ eines Buches im 17. bis 19. Jahrhundert viel über seinen Besitzer aussagen. Ein prachtvoller Einband war nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein Zeichen für materiellen Wohlstand.
Die Einbände wurden aus teuren Materialien wie Leder und edlen Hölzern gefertigt. Sie wurden mit Intarsien, kunstvollen Prägungen, Ziselierungen, Perlenstickereien, Atlas, Samt und sogar Edelsteinen verziert. So wurde das Buch zu einer lohnenden Kapitalanlage und einem Gegenstand, der den persönlichen Geschmack seines Besitzers widerspiegelte.
Anatomie eines alten Buches
| Begriff | Beschreibung |
| Buchdeckel | Die heutigen „Deckel“, ursprünglich aus Holz gefertigt. |
| Buchrücken | Teil des Einbands, der die gehefteten Ränder der Seiten bedeckt. |
| Schnitt | Die drei Kanten des Buchblocks, mit Ausnahme des Buchrückens. |
| Schließen | Metallelemente, die das Buch zur besseren Erhaltung zusammenhielten. |
| Ketten | Wurden bei alten Büchern verwendet, um sie an Regalen zu befestigen. |
Die äußere Gestaltung alter Bücher war informativ und konnte auf die Zugehörigkeit hinweisen. Beispielsweise sind auf einem Widmungsexemplar für Professor Zernov die Initialen und Daten (1869-1894) direkt auf dem Einband angebracht. Dies ist jedoch nicht das Buch selbst, sondern eine Schatulle, die es imitiert. Im Inneren wird der eigentliche Buchblock in seinem Einband an einem Seidenband angehoben.
Der Aufbau eines Buches umfasst mehrere Schlüsselelemente, deren Bezeichnungen sich im Laufe der Zeit geändert haben oder außer Gebrauch gekommen sind.
Diese Elemente schützten nicht nur das Buch, sondern waren auch Teil seiner künstlerischen Gestaltung, die im Laufe der Zeit viele dieser Details verloren hat.

„Von Brett zu Brett“: Die Geschichte der Holzeinbände
Der Ausdruck „von Brett zu Brett lesen“ entstand, weil die ersten Buchdeckel aus Holz gefertigt wurden. Bereits im Mittelalter verwendeten schreibende Mönche mit Kalbsleder überzogene Holzbretter, um Manuskripte zu schützen.
Solche Einbände waren schwer und schlicht, aber sehr robust. Beim Klopfen darauf ertönte ein charakteristisches Holzgeräusch. Die Holzdeckel pressten den Buchblock fest zusammen, was für seine Erhaltung besonders wichtig war.
Um zu verhindern, dass sich der Buchblock durch Feuchtigkeit verzieht, wurden spezielle Schließen verwendet. Sie hielten die Seiten fest zusammen, sodass die Feuchtigkeit nur die Kanten (den Schnitt) beschädigen konnte, ohne tiefer in den Block einzudringen. Dies gewährleistete die Langlebigkeit der handschriftlichen Bücher.

Der Einband als Luxusgegenstand und Ausdruck des persönlichen Geschmacks
Bis zum 18. Jahrhundert war der Einband nicht mehr nur ein rein funktionales Element, sondern wurde zu einem Gegenstand, der die ästhetischen Vorlieben des Besitzers widerspiegelte. Das Buch wurde zu einer lohnenden Kapitalanlage und seine Gestaltung zu einer Demonstration des persönlichen Geschmacks.
- Der Einband ist mit einem Rautenmuster verziert.
- In jeder Raute ist entweder ein orthodoxes Kreuz oder die Buchstaben „ХВ“ (Christus ist auferstanden) geprägt.
- Die Vorsätze sind mit Moiré (einer speziellen Seide) verziert.
- Auf dem Deckel und seiner Innenseite ist eine Brandspur sichtbar, wahrscheinlich von einer Kerze, was bei liturgischen Büchern häufig vorkommt.
Ein weiteres Beispiel ist ein Buch des deutschen Kurfürsten August von Sachsen. Der Einband ist im Renaissancestil mit Goldprägung und einem eleganten arabischen Ornament gestaltet. Auf dem gravierten und bemalten Schnitt ist das Wappen des Auftraggebers zu sehen. Das Buch enthält Gedichte von Petrarca, und sein prachtvoller Einband entspricht dem hohen Status sowohl des Autors als auch des Besitzers.

Verlags- und Individualeinband im 18. Jahrhundert
Anhand zweier Ausgaben aus dem 18. Jahrhundert lässt sich der Unterschied zwischen einem Standard-Verlagseinband und einem individuell angefertigten Einband erkennen. Beide Exemplare erfüllen ihre Schutzfunktion, doch ihre Gestaltung und Materialien unterscheiden sich grundlegend.
Einer der Einbände ist aus teurem Saffianleder gefertigt. Er hat einen Goldschnitt und ist mit einem Supralibros verziert, was auf seinen hohen Wert und die Zugehörigkeit zu einem adligen Besitzer hinweist. Ein solcher Einband diente der Zurschaustellung von Status.
Der zweite Einband ist wesentlich schlichter. Das Leder wurde sparsam verwendet – nur am Rücken und an den Ecken, den am stärksten beanspruchten Teilen. Der Rest der Deckel ist mit einfachem Papier bezogen. Der Schnitt ist nicht vergoldet, und die Vorsätze sind aus einfachem blauen Papier, während bei der teuren Ausgabe gemustertes „Marmorpapier“ verwendet wird. Dies ist ein Beispiel für eine demokratischere Gestaltungsform.

Das Schicksal der Buchbinderei in der Sowjetzeit
Nach der Revolution von 1917 verschwand das professionelle Buchbinderhandwerk in Russland praktisch vollständig. Adels- und Gutsbibliotheken wurden geplündert und die Werkstätten geschlossen. In dieser Zeit begann sich der Samisdat zu entwickeln, und verbotene Bücher wurden im Untergrund „eingekleidet“, oft in Einbände aus einfachem Karton oder Stoff.
Ein markantes Beispiel dieser Epoche sind die Bücher aus der Sammlung des Bibliophilen Anatoli Kusmitsch Tarassenkow. Er erlernte selbst das Buchbinderhandwerk und schuf für seine Bücher Stoffeinbände aus Chintz, Kaliko oder Seide. Für jeden Dichter wählte er einen eigenen Stoff. So wurden beispielsweise die Gedichtbände von Gumiljow in Stücke französischer Seide aus einem Zigeunerrock gebunden, den ihm Lilja Brik nach dem Krieg geschenkt hatte.
Ein weiteres Beispiel ist die erste Gedichtsammlung von Marietta Schaginjan mit Autogramm. Ursprünglich hatte das Buch einen abgenutzten Rücken. In Erinnerung an Tarassenkows Einbände brachte der Besitzer es in eine Werkstatt, wo ein neuer Einband aus einer alten, rot-weiß gestreiften Crêpe-de-Chine-Bluse aus den 70er Jahren für das Buch geschaffen wurde.

Der Handeinband heute: Das Heften des Buchblocks
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden Bücher oft als Halbfabrikate verkauft – als ungeheftete Bögen oder Lagen. Der Besitzer brachte sie selbst zum Buchbinder, der sie zerlegte, heftete und einen individuellen Einband schuf. Erstaunlicherweise hat sich der Prozess des Handeinbands auch nach Jahrhunderten kaum verändert, und Bücher werden auch heute noch von Anfang bis Ende von Hand gebunden.
Der Prozess beginnt mit dem Heften der Lagen. Dies ist eine monotone Arbeit, die Sorgfalt und Geduld erfordert. Meister Wladimir Tkatsch bemerkt, dass dies eine „Frauenarbeit“ sei, da man eine Lage nach der anderen heften muss, was leicht ermüdend sein kann.
Vor dem Heften wird der Faden mit Wachs eingerieben, damit er besser gleitet. Die Lagen werden auf einer speziellen Heftlade geheftet, wobei der Meister das Buch „vom Ende zum Anfang“ liest. Eine solche Arbeit bereitet Freude, besonders wenn das Buch interessant ist. Zum Beispiel empfindet der Meister beim Betrachten des Buches „Die russische Jagd“ mit seinen schönen Illustrationen ästhetisches Vergnügen am Prozess selbst.

Formung des Rückens und künstlerische Bearbeitung des Schnitts
Nach dem Heften erhält man einen „lockeren“, beweglichen Buchblock. Um ihm Stabilität zu verleihen, wird der Rücken gerundet. Der Block wird in eine Presse gespannt und mithilfe eines Hammers werden die Lagen vorsichtig ausgerichtet, um dem Rücken eine abgerundete Form zu geben.
Anschließend wird der Rücken geleimt, mit dem Hammer geklopft, erneut geleimt und wieder geklopft. Dadurch wird er monolithisch, stabil und langlebig. Genau dafür wird der Handeinband geschätzt.
Danach folgt die Bearbeitung des Schnitts. Der staubigste Teil der Arbeit ist das Schleifen, bei dem mit Schleifpapier auf einer Röhre alle Unebenheiten geglättet werden. Danach kann der Schnitt verziert werden. Eine Methode ist das Torschonieren, bei dem mit einem speziellen Hammer eine strukturierte, unebene Oberfläche auf dem Schnitt erzeugt wird. Anschließend kann der Schnitt gefärbt, poliert und gewachst werden, damit er glatt und glänzend wird. Dies ist ein sehr arbeitsintensiver Prozess.

Herstellung der Buchdeckel und Prägung
Die Grundlage für die Buchdeckel bildet ein spezieller, fester Karton, auf dem der Meister ein Ornament ausschneiden kann. Dann wird der Karton auf das Leder geklebt und der Rohling in einer Presse gepresst, damit sich das Reliefmuster auf dem Leder abdrückt. So entsteht das Gesicht des zukünftigen Buches.
Die Prägung ist einer der verantwortungsvollsten Momente. Dafür wird eine Folie verwendet, die mit der glänzenden Seite nach oben auf den Einband gelegt wird. Dann wird mithilfe einer Presse und eines erhitzten Stempels das Muster oder die Inschrift auf das Leder übertragen. Jeder Fehler in dieser Phase ist sichtbar, daher ist höchste Sorgfalt erforderlich.
Der letzte Schritt ist das Einhängen des Buchblocks in die fertigen Deckel. So wird aus einem einfachen, gedruckten Buch, bei dem mit der Zeit die Seiten herausfallen könnten, ein „ewiges“ Buch in einem französischen Einband, stabil und langlebig.

Restaurierung: Ein zweites Leben für das Buch
Die Restaurierung ist, wie das Buchbinden, eine mühevolle Arbeit. Oft gelangen Bücher in einem beklagenswerten Zustand in die Werkstätten: durchnässt, verbrannt, mit zerrissenen Seiten und zerfallenen Einbänden. Die Arbeit eines Restaurators gleicht der eines Chirurgen, bei dem die beste Operation die ist, die vermieden werden konnte.
Die Restaurierung beginnt mit dem Zerlegen des Buches. Die Meister versuchen, die alten Deckel und Einbandelemente so weit wie möglich zu erhalten. Jedes Blatt wird einzeln restauriert. Beschädigte Seiten werden in einem speziellen Wasserbad gewaschen, um sie von Schmutz zu reinigen.
Zur Wiederherstellung fehlender Fragmente wird die Methode des „Anfaserns“ verwendet. Auf einem Leuchttisch wird auf das feuchte Blatt eine Papiermasse aufgetragen, die Risse und Löcher füllt. Es wird Papier ausgewählt, das in Farbe und Textur ähnlich ist. Anschließend wird das Blatt sorgfältig getrocknet. Diese mühevolle Arbeit ermöglicht es, selbst stark beschädigte Ausgaben wieder zum Leben zu erwecken.
