Restaurierung der „Russischen Fibel“ von 1853: Von Ruinen zu einem lesbaren Zustand - AUCBURG | AUCBURG
Restaurierung der „Russischen Fibel“ von 1853: Von Ruinen zu einem lesbaren Zustand
Fibeln sind wertvolle und seltene Ausgaben, die eine besondere Nische in der Welt des Antiquariats einnehmen. Ihre Seltenheit erklärt sich dadurch, dass sie für Kinder bestimmt waren und aktiv genutzt wurden, weshalb die meisten Exemplare in einem sehr schlechten Zustand bis in unsere Tage überdauern.
Fibeln sind wertvolle und seltene Ausgaben, die eine besondere Nische in der Welt des Antiquariats einnehmen. Ihre Seltenheit erklärt sich dadurch, dass sie für Kinder bestimmt waren und aktiv genutzt wurden, weshalb die meisten Exemplare in einem sehr schlechten Zustand bis in unsere Tage überdauern.
Das vorliegende Exemplar – „Das neue und vollständige russische Alphabet“ – war keine Ausnahme. Das Buch hatte keinen Einband, sondern einen originalen Verlags-Papierumschlag bewahrt. Auf dem Titelblatt ist die Information über die Zensurgenehmigung vom 2. Oktober 1852 erhalten, was auf ein Erscheinungsdatum Ende 1852 oder Anfang 1853 schließen lässt.
Der Zustand des Buches war kritisch: Die Hälfte des Titelblatts fehlte, die Seiten waren extrem brüchig und zerfielen buchstäblich in den Händen. Dies machte eine sichere Untersuchung des Inhalts ohne vorherige Restaurierung unmöglich.
Inhalt der Fibel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts
Trotz des schlechten Zustands war es möglich, den inneren Aufbau des Buches zu erkennen. Neben der eigentlichen Fibel mit Illustrationen enthielt die Ausgabe zahlreiche zusätzliche Materialien zum Erlernen des Lesens und Schreibens.
Zwei- und dreisilbige Wörter.
Übungen zum Silbenlesen.
Gebete und Gebote, kurze Auszüge aus der christlichen Lehre.
Regeln für Anstand und Höflichkeit.
Kurze heilige Geschichte des Alten Testaments.
Tabelle mit der Schreibweise arabischer und römischer Ziffern.
Eine interessante Besonderheit ist das Vorhandensein von Buchstaben im Alphabet, die heute außer Gebrauch sind. Im Buch finden sich Buchstaben wie „Jat“, „Ischiza“ und „Fita“.
Inhalt der Fibel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts
Prozess der Reinigung und Wässerung der Blätter
Die erste Phase der Restaurierung war die vollständige Zerlegung des Buches und die Reinigung jedes einzelnen Blattes. Aufgrund der starken Verschmutzung und der porösen Struktur des Papiers wurde der Prozess in mehreren Schritten durchgeführt, um das empfindliche Material nicht zu beschädigen.
Trockenreinigung. Zuerst wurden Staub und oberflächlicher Schmutz vorsichtig mit einem weichen Pinsel entfernt.
Entstaubung mit einem Sauger. Anschließend wurde ein spezieller Restaurierungssauger mit geringer Leistung verwendet. Dies ermöglichte die Entfernung kleiner Schmutzpartikel, ohne das Papier zu beschädigen.
Wässerung. Die Blätter wurden in eine spezielle Reinigungslösung gelegt. Zur Sicherheit wurde jedes Blatt auf einem Sieb bewegt, damit es im Wasser nicht zerfällt.
Zusätzliche mechanische Reinigung. Nach dem Einweichen wurden einige Verschmutzungen direkt im Wasser manuell mit einem Pinsel entfernt. Danach folgte eine Spülung in destilliertem Wasser.
Prozess der Reinigung und Wässerung der Blätter
Ergänzung von Fehlstellen mit Papiermasse
Nach der Reinigung und Wässerung begann die Phase der Ergänzung fehlender Seitenfragmente. Aufgrund der großen und zahlreichen Fehlstellen wurde entschieden, kein Restaurierungspapier zu verwenden, sondern die Methode der Anfaserung mit Papiermasse. Dieser Ansatz ermöglicht weichere und natürlichere Übergänge zwischen altem und neuem Papier.
Dafür wurde eine spezielle Papiermasse vorbereitet, die aus zermahlenem Papier derselben Epoche wie das Buch hergestellt wurde. Die Masse wurde mit einem Spezialwerkzeug sorgfältig auf die Fehlstellen aufgetragen. Die Arbeit erfolgte auf einem Leuchttisch, um die Dicke und die Ränder der aufgetragenen Schicht genau zu kontrollieren.
Nach der Anfaserung wurden alle Blätter am Rand sorgfältig restauriert und gefestigt. Dann folgte die Farbanpassung – die Auswahl der Farbe für die wiederhergestellten Bereiche, damit sie mit dem Originalfarbton des Papiers harmonieren. Hierfür wurden Pastell- und Aquarellstifte verwendet, die mit einem Wattestäbchen verrieben wurden.
Ergänzung von Fehlstellen mit Papiermasse
Rekonstruktion des Verlags-Umschlags
Besondere Aufmerksamkeit wurde der Wiederherstellung des originalen Verlags-Umschlags gewidmet. Er bestand aus zwei Papierschichten und war stark beschädigt. Es wurde entschieden, die innere Schicht nicht zu erhalten und sie durch altes Papier derselben Epoche zu ersetzen.
Die äußere Schicht mit dem Muster wurde sorgfältig in hoher Auflösung gescannt. Mit Hilfe eines Grafikprogramms rekonstruierte der Designer die fehlenden Fragmente des Musters, wobei er sich an den erhaltenen Teilen orientierte. Dieser Prozess erforderte eine sorgfältige Arbeit bei der Auswahl von Farbe, Textur und der Anpassung des Musters.
Nach der digitalen Rekonstruktion wurden die fehlenden Teile ausgedruckt. Anschließend wurden die originalen Fragmente des Umschlags gereinigt, gewässert und geglättet. Danach wurden alle Teile – die originalen und die gedruckten – wie ein Puzzle zusammengesetzt und auf eine neue Unterlage aus altem Papier geklebt (kaschiert), um dem Umschlag Stabilität zu verleihen.
Rekonstruktion des Verlags-Umschlags
Endgültiger Zusammenbau des Buches
Die letzte Phase war der Zusammenbau des Buches. Die restaurierten Blätter wurden zu einem einzigen Buchblock geheftet. Dafür wurde die Kettenstichheftung verwendet, die traditionell für Broschuren (Ausgaben mit weichem Umschlag) genutzt wurde. Diese Methode erfordert keine Bünde oder eine Heftlade und ermöglicht es, das authentische Aussehen der Ausgabe zu bewahren.
Nach dem Heften des Buchblocks wurde der wiederhergestellte Umschlag angeleimt. Die Befestigung erfolgte nur am Buchrücken, so wie es ursprünglich gemacht wurde. Anschließend wurde das Buch zum Trocknen unter eine Presse gelegt.
Als Ergebnis all dieser Arbeiten hat die „Fibel“ ein zweites Leben erhalten. Jetzt kann man sie sicher durchblättern und studieren, ohne die empfindlichen Seiten zu gefährden. Es gelang, nicht nur den Text und die Illustrationen zu erhalten, sondern auch das einzigartige Erscheinungsbild des Buches in seinem originalen Verlags-Umschlag.