Russische Ikonen im Westen: Die Geschichte des Preisbooms und -verfalls - AUCBURG | AUCBURG
Russische Ikonen im Westen: Die Geschichte des Preisbooms und -verfalls
Mitte der 1980er Jahre ergab sich auf dem Antiquitätenmarkt der Sowjetunion, insbesondere im Bereich der Ikonen, eine einzigartige Situation. Aufgrund des „Eisernen Vorhangs“ war der Export von Kulturgütern extrem eingeschränkt, und Ikonen gelangten hauptsächlich durch Schmuggel oder über diplomatische Kanäle in den Westen.
Knappheit und hohe Nachfrage in der Ära des „Eisernen Vorhangs“
Mitte der 1980er Jahre ergab sich auf dem Antiquitätenmarkt der Sowjetunion, insbesondere im Bereich der Ikonen, eine einzigartige Situation. Aufgrund des „Eisernen Vorhangs“ war der Export von Kulturgütern extrem eingeschränkt, und Ikonen gelangten hauptsächlich durch Schmuggel oder über diplomatische Kanäle in den Westen.
Dies führte zu einer enormen Knappheit auf dem westlichen Markt. In Europa, Deutschland und Amerika überstieg die Nachfrage nach russischen Ikonen das Angebot bei Weitem, was zu sehr hohen Preisen führte. Gleichzeitig florierte innerhalb der UdSSR ein Schwarzmarkt, auf dem sogenannte „schwarze Aufkäufer“ Ikonen von der Landbevölkerung erwarben, wie es Wladimir Solouchin in seinem Buch „Schwarze Bretter“ ausführlich beschreibt.
Sogar offizielle Persönlichkeiten waren in die Prozesse rund um die Ikonen involviert. So war beispielsweise der berühmte Regisseur Julian Semjonow Mitglied der Kommission für die Rückführung von Kulturgütern, die während des Krieges von den Nazis geraubt wurden, darunter auch Ikonen.
Preise der Vergangenheit: Beispiele aus einer deutschen Sammlung
Ein Beleg für die hohen Preise jener Zeit ist eine Privatsammlung von Kupferguss-Ikonen, die einem deutschen Sammler gehörte. Nach seinem Tod begann der Neffe, den Nachlass stückweise zu verkaufen, und auf vielen Objekten sind noch die alten Auktionspreisschilder erhalten.
Diese Zahlen veranschaulichen deutlich das damalige Preisniveau für russische Ikonen in Deutschland:
Die Ikone „Christus der schweigenden Demut“ wurde auf 1600 D-Mark geschätzt, was 800 Euro entspricht. Heute ist ihr realer Wert deutlich geringer.
Ein Kiot-Kreuz, nicht einmal von der größten Sorte, hatte ein Preisschild von 490 D-Mark.
Ein kleines Fragment eines Faltaltars mit Festtagen wurde für 350 D-Mark verkauft, also etwa 170 Euro, was seinen heutigen Marktwert ebenfalls um ein Vielfaches übersteigt.
Eine solche Preisgestaltung war eine direkte Folge der Mode für russische Kunst und ihrer Knappheit auf dem westlichen Markt. Sammler waren bereit, viel Geld für schwer zugängliche Objekte zu bezahlen.
Preise der Vergangenheit: Beispiele aus einer deutschen Sammlung
Marktsättigung und Preisverfall in den 90er Jahren
Die Situation änderte sich Anfang der 90er Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ radikal. Der europäische Markt, insbesondere der deutsche, wurde buchstäblich mit russischen Ikonen überschwemmt, die massenhaft von Landsleuten außer Landes gebracht wurden. Das Angebot überstieg die Nachfrage, und die Preise fielen drastisch.
Große Handelszentren für russische Ikonen, wie zum Beispiel in Berlin, waren überfüllt. In dieser Zeit agierten große Schmuggler wie Waleri Petrowitsch Lichowski, der Lieferkanäle für Ikonen über Weißrussland, die Ukraine und das Baltikum aufgebaut hatte.
Seine Tätigkeit endete tragisch: 1993 wurde er in Berlin ermordet. Laut Kriminalpolizei geschah dies, weil er Geld von Gläubigern angenommen, die versprochene Ware aber nicht liefern konnte. Diese Episode spiegelt den chaotischen und kriminalisierten Charakter des damaligen Marktes wider.
Marktsättigung und Preisverfall in den 90er Jahren
Lektionen für den Investor: Mode und Markttrends
Die Geschichte der russischen Ikonen bestätigt ein wichtiges Prinzip bei der Investition in Antiquitäten: Man sollte keine modischen Objekte auf dem Höhepunkt ihrer Popularität kaufen. Die fieberhafte Nachfrage nach Ikonen war ein vorübergehender Trend, der durch ihre Knappheit bedingt war. Als der Markt gesättigt war, stürzten die Preise ab.
Eine ähnliche Situation konnte man auch in jüngerer Vergangenheit beobachten. Vor einigen Jahren entstand in China eine enorme Nachfrage nach Bernstein, der als „Stein der Sonne“ bezeichnet wurde. Dies führte zu einem weltweiten, mehrfachen Anstieg der Preise. Doch wie bei den Ikonen besteht die Gefahr, dass dieser Trend mit der Zeit nachlässt und die Bernsteinpreise fallen werden.
Daher ist es wichtig, zwischen Spekulation und Investition zu unterscheiden. Der Kauf auf dem Höhepunkt der Mode mit dem Ziel eines schnellen Wiederverkaufs ist Spekulation. Langfristige Investitionen erfordern hingegen eine Analyse und den Kauf von Objekten, die vom Markt derzeit unterbewertet sind, und nicht von denen, die sich auf dem Gipfel der Popularität befinden.